Das entscheidende 1. Jahr

Im Vergleich zum Leben eines Menschen ist ein Hundeleben doch relativ kurz und so ist es verständlich, dass auch die Entwicklungsschritte zum erwachsen werden in einer sehr viel kürzeren Zeit ablaufen.

Schon körperlich machen Welpe und anschließend der Junghund von der Geburt bis zum ersten Geburtstag einen Riesenschritt. Wiegt er bei der Geburt noch ca. 500 g, ist blind, taub und nicht fähig sich auf den Beinen zu halten, so bringt er am ersten Geburtstag 28 – 30 kg auf die Waage, kann riesige Sprünge machen und riecht, hört und sieht so ziemlich alles, auch das, was er nicht soll.

Das schnelle Wachstum ist für seinen gesamten Stützapparat eine große Belastung, mit der man vorsichtig und ausgewogen umgehen sollte. Forderung und Förderung sind wichtig, Überforderung ist allerdings Gift. Natürlich soll der junge Hund sich bewegen, seine Muskulatur aufbauen, aber er sollte noch nicht einem langen gleichförmigen Ausdauertraining unterzogen werden (Joggen, Fahrrad, Ausritt). Es bedarf einigen Einfühlungsvermögens um zu erkennen, wann der Junghund müde wird, aber nicht zur Ruhe kommt, weil ihn zu viele Reize umgeben. Hier ist ein Eingreifen des Besitzers gefragt.

Richtige Spaziergänge sind erst ab dem 5. Monat angesagt und auch hier muss aufgebaut werden.

Viele Welpen zeigen, dass sie äußerst ungern aus dem Gartentor oder der Haustüre raus in die „große weite Welt“ gehen. Das ist nur natürlich und Instinkt verankert, denn in freier Wildbahn darf ein Welpe sich auch nicht weit von der Höhle weg bewegen. Er würde sonst zur Gefahr für das ganze Rudel. Erst ab ca. einem halben Jahr wird der Radius erweitert.

Nutzen Sie diese Zeit, um dem Welpen sein Revier begreiflich zu machen. Für die zur Prägung wichtigen Ausflüge und Spiele mit Artgenossen nutzen Sie zur Anfahrt Ihr Auto als zweites Wohnzimmer für den Welpen.

Eine Überforderung des Stützapparates ist auch dann gegeben, wenn der Hund vor allem im ersten Jahr zu gut und zu reichhaltig gefüttert wird. Übergewicht ist ganz schlecht, aber natürlich hat ein gesunder Junghund laufend Hunger und kann das auch so freundlich zeigen. Achtung auch bei Fertigfutter! Die Mengenangaben sind oft zu gut gemeint und die Anreicherung mit Energieträgern teilweise sehr hoch.

Lassen Sie sich von Ihrem Züchter beraten!

Die Wesensentwicklung macht im ersten Jahr ebenfalls riesige Sprünge.

Der Welpe wird als Nesthocker geboren und ist in den ersten zwei Wochen völlig auf die Fürsorge der Mutter angewiesen. Was aber schon sehr gut funktioniert, ist sein Geruchssinn und sein Wärmeempfinden. So findet er sofort und zielsicher die Zitzen und die Wärme des mütterlichen Bauches. Er ist in der vegetativen Phase, ich nenne sie gerne auch „egozentrische“ Phase, da er ausser sich und seinen Bedürfnissen noch nichts wahrnimmt.

Das ändert sich schlagartig nach 12 – 13 Tagen. Mit dem Öffnen von Augen und Ohren beginnt für den Welpen eine neue Phase – die Prägephase. Die erste Ablösung von der mütterlichen Hilfe beginnt, in dem der Welpe sich selbst lösen kann. Er entdeckt, dass er Geschwister hat, mit denen er Kontakt aufnehmen kann und dass es auch unbelebte Gegenstände in seiner Umgebung gibt, mit denen er sich beschäftigen kann.

Die Aufgaben der Mutter ändern sich, sie muss nicht mehr ständig in der Wurfkiste anwesend sein und ist nach und nach auch nicht mehr ausschließlich für die Ernährung zuständig, aber ihre erzieherischen Tätigkeiten sind für das weitere Leben des Welpen von größter Bedeutung. Die Wurfkiste ist jetzt offen und der Lebensraum der Welpen erweitert sich. Manchmal kann es ab jetzt ein riesiges Donnerwetter von mütterlicher Seite geben,  eines ist aber klar, sie hat immer recht und niemand darf in ihre Befugnisse eingreifen.

Auch für den Züchter ändert sich sein Aufgabengebiet. Am Anfang stand die Fürsorge für die Mutter und die Beobachtung der normalen Entwicklung der Welpen im Vordergrund, nun macht er sich Gedanken, wann und wie die Welpen zugefüttert werden und vor allem, wie sie entsprechend ihres Alters und Vermögens richtig gefördert und auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet werden.

Die gemeinsamen acht Wochen von Mutterhündin, Welpen und Züchter sind eine sehr schöne, interessante und informative Zeit, aber auch eine anstrengende Zeit.

Mit wachsendem Alter der Welpen kommt ihre Individualität zum Vorschein. Es gibt die „Macho-Typen“, die von der Mutter auch öfter mal eine auf's Dach bekommen, es gibt die Eigenständigen, die nicht immer dem Rudel folgen und es gibt auch die ganz braven Welpen, die ohne großes Aufsehen alles mitmachen.

Die wichtigste Aufgabe für den Züchter ist, den Interessen der Welpeninteressenten gerecht zu werden und in gemeinsamer Arbeit den richtigen Welpen an den richtigen Platz zu vermitteln. Nicht immer ganz einfach bei drei Farben und zwei Geschlechtern.

Die Prägephase dauert 16 Wochen. Mitten in dieser Zeit erfolgt die Ablösung von der Mutter, vom Rudel und der Übergang in das neue Zuhause.

Nun beginnt für den neuen Besitzer und für den kleinen Hund, der sein bleibendes Zuhause gefunden hat, die entscheidende Zeit.

Bitte bereiten Sie sich als neuer Hundebesitzer schon vor der Übernahme auf diese Zeit vor und planen Sie viel Zeit ein, die Sie mit dem Welpen verbringen können und ihn auch einfach nur begleiten und beobachten können. Erfreulicherweise ist das Schlafbedürfnis des Welpen noch vergleichbar mit dem eines Babies, aber wenn er dann wach ist, braucht er Ihre Aufmerksamkeit.

Für die Theorie gibt es eine Fülle guter, begleitender Bücher, für die Praxis empfehle ich Ihnen den Besuch einer unserer Welpenschulen. Nutzen Sie dort auch die Möglichkeit, den Ausbildern „Löcher in den Bauch“ zu fragen und sprechen Sie alles an, was Ihnen mit Ihrem kleinen Hund unklar ist. Oft kann eine Fehlprägung in den Ansätzen aufgefangen werden und Sie und Ihr Hund werden ein Hundeleben lang davon profitieren.

Mit wachsendem Alter werden die Möglichkeiten der Förderung größer. Kleine Stresssituationen, die der Welpe durchaus auch schon in der Zeit mit seiner Mutter kennen gelernt hat, sollen selbständig bearbeitet und verarbeitet werden. Eine Überbehütung des kleinen Hundes ist ebenso schädlich wie eine Überforderung. Er soll seine Umwelt zusammen mit Ihnen erobern und bei jedem Schritt das Gefühl haben, dass er es selbst geschafft hat und Sie ihn im Hintergrund nur unterstützt haben.

Die Erfahrungen der Prägephase bleiben dem Hund wirklich prägend erhalten – sein Leben lang. Die Prägephase dauert nur sehr begrenzte Zeit, danach folgen andere Phasen bis zum erwachsen werden. Der Junghund ist in jeder dieser Phasen lernfähig und jede Phase darf entsprechend genutzt werden. Die Lernfähigkeit bleibt auch beim erwachsenen Hund erhalten, wenn der Anreiz dazu in der Jugend gelegt wurde.

Das alles entscheidende Moment für die Lernfähigkeit ist die Spielfreude des Hundes. Die Grundlagen hierzu werden ebenfalls im Welpenalter gelegt. Es gibt die verschiedensten Arten des Spiels. Die Spielbeziehung zwischen Ihnen und dem Hund ist eine der Grundlagen des gegenseitigen Vertrauens und sollte am Anfang eine große körperliche Nähe beinhalten.  Das „innerartliche“ Spiel mit anderen Hunden dient der Sozialisation ebenso wie der Triebbefriedigung.

Wir wollen gut sozialisierte Hausgenossen, daher dürfen die Hunde  einige Triebe nicht ausleben. Kein Hund soll jagen, weder den Hasen noch den Jogger, auch ihr Futter sollen sie sich nicht selbst beschaffen. Also sind Ersatzbefriedigungen angesagt.

Die Nasenarbeit kommt den Bedürfnissen jedes Hundes entgegen und sie kann sehr vielfältig angelegt sein. Das gleiche gilt für das Spiel mit einer Ersatzbeute. Die Bewegungsfreude kann auch in die unterschiedlichsten Bahnen gelenkt werden und mit der Zeit richtige Sportler aus den Hunden machen.

Nach der noch relativ unbekümmerten Welpenzeit während der Prägephase kommt für den Junghund eine Unsicherheitsphase, in der die Mensch-Hund- Bindung sich beweisen sollte und die „schwierigen“ Situationen des jungen Hundelebens gemeinsam, aber doch durch eigene Stärke überwunden werden müssen. Es verlangt vom neuen Hundebesitzer oft Geduld, zum Teil auch Selbstbewußtsein gegenüber den Mitmenschen, die nicht verstehen können, warum dieses wedelnde Baustellen-Absperrband zum schier unüberwindlichen Hindernis vor der Fortführung des gemeinsamen Spazierganges steht.

Es lohnt sich absolut, hier Geduld und Nerven zu behalten, denn ist die Gefahr aus hundlicher Sicht einmal gebannt, kann sie verarbeitet werden.

Nach dieser Phase folgt die Pubertät mit allen ihren positiven und negativen Eigenschaften. Die Hormone erwachen und die Flegelzeit beginnt. Hündinnen reagieren sehr sensibel auf die erste Läufigkeit und auch Rüden scheinen oft erstaunt zu sein, wie interessant manche Gerüche doch plötzlich werden. Manch ein Hundebesitzer erkennt seinen Hund kaum wieder und befürchtet alles falsch gemacht zu haben. Aber auch diese Phase geht vorbei und der Hund beginnt, erwachsen zu werden.

Begleitend muss in allen Phasen, beginnend mit dem ersten Tag, Einordnung und  Gehorsam geübt werden. Es beginnt mit der Festlegung der Rudelstruktur. Die Erwachsenen sind die eindeutigen Chefs und haben die Aufgabe, sich in jeder Situation überlegen und freundlich konsequent zu zeigen. Kinder haben keine Befehlsgewalt, dürfen sich aber gerne an allen Aktivitäten beteiligen.

Für die Erziehung zum Gehorsam gilt ebenfalls, altersgemäß vorgehen und vor allem, den Spaß am Lernen erhalten. Es kann für beide Teile nur zum Vorteil sein, wenn Sie sich regelmäßig beobachten und auch korrigieren lassen.

Zusammengefasst sind die wichtigsten Ratschläge:

Strukturierung des gemeinsamen Lebens,

Aufbau von Vertrauen und Bindung,

Förderung aber keine Überforderung und

Schutz des schnell wachsenden Organismus.

In diesem Sinne wünschen wir Ihnen, dass Sie zu einem tollen Team heranwachsen.

 U. Stickel