Dominanz - das oft missbrauchte Wort

Jeder von uns kann mit seinem Hund mal in Verständigungsschwierigkeiten geraten, die, wenn sie nicht gleich bearbeitet werden bis zur gewünschten Abgabe des Hundes führen können. Der RZV für Hovawarthunde verfügt über ein ganzes Netzwerk an Beratungsmöglichkeiten, das bitte im Falle eines Falles auch genutzt werden sollte. Der Züchter des Hundes wird immer ein aufmerksamer Berater sein, die ehrenamtlichen Ausbilder auf den Hundeplätzen des Vereins – von der Welpenspielstunde über Junghundeförderung bis zur Ausbildung der erwachsenen Hunde - werden sich den Hund anschauen und ihre Meinung und Ratschläge weitergeben und auch die Welpenvermittlung hat immer ein offenes Ohr für Probleme.

Die Gemeinsamkeit der Telefonate ist, dass spätestens im zweiten Satz kommt: Er (sie) ist ja sooo dominant !!!, völlig unabhängig davon, wo „der Hund begraben liegt“ bzw. die Schwierigkeiten liegen.

Der 12 Wochen alte Welpe beißt in die Hand, wenn ihm das Spielzeug weggenommen wird oder er am Halsband aus einem Zimmer geholt wird.

Mein Hund schnappt nach anderen Hunden, weil er sie nicht mag und es ihnen zeigt (wobei die Rute unter dem Bauch ist).

Er klaut meinem Sohn die Pizza und lässt sie sich nicht mehr nehmen.

Er legt sich unters Sofa und kommt nicht mehr raus.

Wenn ich ihn rufe, dreht er sich um, kommt aber nicht und wenn ich ihn endlich am Halsband habe, wehrt er sich und beißt nach mir.

Ich könnte Seiten füllen, um diese Liste zu erweitern, aber das würde wohl den Rahmen sprengen.

Die allermeisten Schwierigkeiten liegen nun wirklich nicht an der Dominanz eines Hundes – schon mal gar nicht eines Welpen – sondern an instinktmäßigem Verhalten, das der Mensch nicht versteht und an Unsicherheit bis Angst.

Bei den allermeisten Schwierigkeiten hat der Hund natürlich sein Herrchen oder Frauchen momentan „voll im Griff“ und dominiert, aber das sind Führerfehler. Dem Hund wurden keine Grenzen und keine Tabus gesetzt und seine Reaktionen falsch interpretiert.

Ein wirklich dominanter Hund ist dem Menschen gegenüber nicht „führungsresistent“. Er hat es auch nicht nötig, seine Dominanz laufend zu beweisen.

Er hat sie einfach, ist sicher und überlegen, vor allem seinen Artgenossen gegenüber und hier genügen Blickkontakte und die Körpersprache um die Lage zu klären.

Ich möchte von mir selbst behaupten, einmal eine dominante Hündin besessen zu haben. Sie machte aber in ihrem 13jährigen Leben nie durch Beißereien oder andere Unarten auf sich aufmerksam. Beachtet und respektiert wurde sie trotzdem.

Der Begriff Dominanz, der auf maximal 10 % der Hunde passt, sollte einer von vielen kynologischen Begriffen bleiben und nicht zur primären Erklärung für jedes „Fehlverhalten“ herangezogen werden. Für jeden Hund und sein Problem muß individuell nach der adäquaten Lösungsmöglichkeit gesucht werden.

Herrchen – Frauchen und Hund werden damit besser fahren.

Die Ansprechpartner gibt es, so dass es sicherlich möglich ist, Beratung zu finden, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist.

U. Stickel

Eigeninitiative und meistens auch ein paar Kilometer mit dem Auto sind schon nötig, aber sie lohnen sich. Eine „Telefondiagnose“ kann ein erster Hinweis sein, aber sicher keine Problemlösung.