Kiras Geschichte - Ein Hund aus zweiter Hand

Infos aus erster Hand über einen Hund aus zweiter Hand

Sehr informativ und lesenswert ist dieser Beitrag von Marlies Schäfer-Gollnow. Seit Jahrzehnten Hovawart-geübt, vertraut mit allen Prüfungen und ehemalige Deckrüdenbesitzer wagte das Ehepaar Schäfer jetzt den Schritt zur Hündin aus zweiter Hand.

Kiras Geschichte oder Erfahrungen mit einem "second-hand-hound"

Eigentlich wollten wir nach dem überraschenden und dramatischen Tod unseres letzten Hovawart-Rüden keinen weiteren Hund.

Der Alltag zeigte uns jedoch, dass es wohl ohne Hund nicht geht. Durch einen Hinweis der Notvermittlung lernten wir eine Familie kennen, die ihre 2 3/4 Jahre alte Hündin "Kira", eine kleineschwarzmarkene Hündin, abgeben musste.

Nach einer Stunde Informationen über Kira, luden wir sie in unser Auto ein und traten den Heimweg an.

Wir hatten bis dahin während 32 Jahren insgesamt 4 Rüden-Welpen aufgezogen und meinten genügend Hundeerfahrung zu besitzen, um der erwachsenen Hündin gerecht zu werden. Auf welche Herausforderung wir uns eingelassen hatten, war uns vor lauter Freude, wieder mit einem eigenen Hund zu leben, wohl nicht ganz bewusst.

Welche Vorteile brachte Kira mit: sie war erwachsen, stubenrein und hatte die richtige Größe und Gewicht, um auch von einem älteren Menschen in Krisensituationen festgehalten werden zu können.

Die Informationen der Vorbesitzer waren ehrlich: Kira hatte eine Grundausbildung erhalten, aber man hatte zu wenig Zeit für sie. So entwickelte sie manchen Nachteil, der bei unseren früheren Welpenerziehungen erst gar nicht aufgetreten war.

Ihr übelster Nachteil war: ihre Vorliebe zum Jagen, plötzlich und unerwartet, meistens auf dem Heimweg von einem Spaziergang. So ließ sie mich bis zu 1 1/2 Stunden in der "Pampa" stehen, um dann mit hängendem Kopf wieder aufzutauchen. Nun auch noch freuen und loben, das kostete schon manche Überwindung.

Aber nun der Reihe nach, wie wir auch heute noch nach 16 Monaten des Zusammenlebens mit Kira daran "tüfteln", sie zu einem "brauchbaren" Hovawart zu erziehen. In den ersten 3 Monaten behandelten wir Kira wie einen Welpen, nur, dass uns ihre "Prägungsphase" nicht bekannt war. Sie entwickelte zunächst keinerlei Bindung, sodass sie auf allen Spaziergängen an der Leine geführt werden musste. "Spielen" war für sie ein Fremdwort, sie lief keinem Ball hinterher und brachte keinen "Quaki", "Wurm" o.ä. genanntes Spielzeug. Am liebsten lag sie stundenlang im Garten und verbellte alles, was des Wegs kam.  Ein Glück, dass es da den "Collin" gab, einen fast gleichaltrigen Hovawart-Rüden, dem sie so manches abschaute und der ihr Kumpel wurde. Das Problem war, dass wir sie nicht mit dem Ball belohnen konnten. Wir merkten, dass sie alle Kommandos kannte, jedoch nicht sauber ausführte. Bei der herkömmlichen Erziehungsmethode zeigte sie massives Meideverhalten. Also griffen wir zum "Clicker" und "Leckerli" und vielen „Kontaktübungen“. Damit versuchten wir, ihr eine gute Leinenführigkeit beizubringen.

Es waren harte Wochen, die wir mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen überstehen mussten. In der Ausbildung boten wir ihr die Fährte und Obedience an. Dann machten wir die Beobachtung, dass Kira keine roten Anoraks und Schlapphüte leiden konnte und darauf losging. Bei Gewitter verfiel sie in lautes Bellen und unruhiges Umherlaufen.

Rückfragen beim Vorbesitzer ergaben: Kira hatte eine private Hundeschule besucht. Zudem lebte sie in ihrem "Erstwohnsitz" am Rhein und gleich hinter dem Garten verlief eine kleine Straße, die wiederum zu einem Schloss führte, auf dem alle paar Wochen ein Feuerwerk abgebrannt wurde. Es war ein einziges Herantasten an ihr "Vorleben".

Gleichzeitig aber wollte und musste sie beschäftigt werden, da sie sehr lernfähig ist. Nach 3 Monaten kam sie von sich aus zum ersten Mal zum "Schmusen", das sie seither ausgiebig genießt und das auch viel zu ihrer Bindung beigetragen hat.

Sobald sie unterbeschäftigt ist, verfällt sie auch heute noch ins "Mäusezählen" und verselbständigt sich sofort. Es gäbe noch viele kleine Einzelheiten zu erzählen, die wir zusammen zu überstehen hatten.

Heute ist Kira ein fröhlicher, selbstbewusster Hund mit einem guten Nervenkostüm. Damit unsere Arbeit auch einen sichtbaren Erfolg hat, machte Kira die Ausdauerprüfung und die Begleithundeprüfung, bei der ich als Führerin trotz jahrzehntelanger Hundeerfahrung, noch den Sachkundenachweis erbringen musste, weil bisher alle Prüfungen von meinem Mann gelaufen wurden, er aber wegen der stärkeren Bindung der "Kleinen" an mich darauf verzichtete.

Wenn ich heute das Aufziehen eines Welpens mit der Übernahme der erwachsenen Hündin vergleiche, so bleibt als Fazit: Die Übernahme ist die größere Herausforderung, den Welpen kann ich von Anfang an in den Familienverband einbinden.

Trotzdem wünsche ich jedem "Notfall" einen guten "Zweitwohnsitz".

Marlies Schäfer-Gollnow