Rudeltier Hund

Seit der Mensch Wildtiere domestiziert hat, hat er sie auch für seine Bedürfnisse genutzt und gezüchtet. War es früher eine reine Zweckgemeinschaft, so hat sie sich spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts bei Hund, Katze und Pferd in eine Hobbygemeinschaft verändert.

Es sollte aber noch seine Zeit dauern bis dieses Zusammenleben auch wissenschaftlich erfasst und erforscht wurde. Die Verhaltensforschung entstand (Konrad Lorenz war ein Wegbereiter) und der Mensch begann, seinen Partner Haustier verstehen zu wollen.

Der Schlüssel zu diesem Verständnis ist, die Triebe und Instinkte der wildlebenden Verwandten zu begreifen, um sie dann sinnvoll abgewandelt auf unsere Haustiere zu übersetzen.

Sicher gab es schon immer Menschen, die instinktiv richtig auf ihre Tiere eingegangen sind, aber es gibt durchaus für jeden die Möglichkeit dies zu erlernen. Die Hunde- und Pferdeflüsterer sind so entstanden.

Zwischenzeitlich leben Pferde nicht mehr in Ständern sondern in Boxen oder Freilaufhaltungen. Sie gehen vermehrt auf  Koppeln und sie werden nicht mehr „eingebrochen“, sondern sanft für ihre Aufgaben geschult.

Leider kämpft die Nutztierhaltung in diesem Bereich immer noch mit den Anfängen.

Für die Hundehaltung sind alle diese Erkenntnisse besonders wichtig. Schließlich ist vor allem der große Hund immer noch ein wehrhaftes Wesen, das aber ständig mit uns leben soll und will und deshalb unseren Anforderungen gerecht werden muss.

Seine Vorfahren Wolf leben in gut strukturierten Gemeinschaften, die von Führungspersönlichkeiten (nicht nur von einer) angeleitet werden. Sie erziehen ihre Nachkommenschaft entsprechend den Aufgaben, die ihnen zugedacht werden.

Wir Menschen brauchen für das Zusammenleben, das Verständnis und zur Förderung der Lernbereitschaft ein Grundwissen um die adäquate Verständigung mit unseren Hunden, damit wir sie  in unser Leben integrieren und sie auf  ihre Aufgaben vorbereiten können.

Das erste Jahr im Leben eines Hundes ist ein besonderes Jahr und mit großer Lernfähigkeit ausgestattet. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auf die Wichtigkeit der Prägungsspieltage hinweisen, in denen gerade der neugebackene Hundebesitzer unendlich viel - so ganz nebenbei - lernen kann.

Es gibt eine ganze Reihe von Punkten, die für den jungen Hund und seinen neuen Besitzer von entscheidender Wichtigkeit sind.  Dazu gehört zuerst die Einordnung in das neue Rudel, die Erziehung zur Sauberkeit, das Freßverhalten, Tabus zu achten, das richtige Spielen zu erlernen und die ersten Schritte des Gehorsams.

Das Rudeltier Hund erlernt fast alles gerne und mit Ausdauer, wenn es weiss, das es damit seinem „Chef“ eine Freude macht und entsprechend belohnt wird. Die Belohnung kann vielfältig sein, aber vor allem beinhaltet sie die physische und psychische Zugehörigkeit zum Rudel.

Das Aussondern aus dem Rudel ist die härteste Bestrafung, die ein „Chef“ aussprechen kann.

Deshalb ist es ja wohl begreiflich, was es bedeutet, den Hund in den Garten oder in einen Zwinger zu sperren oder ganz vornehm, ihm ein eigenes Zimmer oder gar Appartement zur Verfügung zu stellen. Er ist viel glücklicher mit zwei m² Platz auf seiner Hundedecke oder im Auto, aber er ist dabei.

Natürlich müssen wir unsere Hunde auch mal alleine lassen (und zwar ohne dass sie die Wohnung zerstören), aber das geschieht im vertrauten Bereich, in dem sie auch mit ihren Menschen zusammen leben und in dem sie sich sicher fühlen.

Der jetzt kommende Widerspruch ist schon vorprogrammiert. Hunde wurden immer in Zwingern gehalten, sie sind frisch und ausgeruht, wenn man sie heraus holt und sie arbeiten dann besser. Sie haben dort ihren ungestörten Platz und können sich erholen.

Das Gegenargument ist, die Hunde resignieren, was sollen sie auch anderes tun - ausser der Zwinger wäre nicht ausbruchssicher. Wenn ihr „Chef“ sie dann herausholt, wollen sie ihm natürlich um alles in der Welt gefallen und „arbeiten gut“, weil sie sich erhoffen, dass  die Bestrafung somit aufgehoben wird und dass sie wieder ins Rudel integriert werden.

Jeder Hund kann auch innerhalb des Familienverbandes einen ungestörten Platz erhalten, die Familie muss es nur ermöglichen.

Nicht alles, was immer so gemacht wurde, wurde auch immer richtig gemacht und entspricht den natürlichen Bedürfnissen.

Zu den Hauptbedürfnissen des Hundes gehört es, seinem „Chef“ zu gefallen und bei ihm sein zu dürfen.

Hunde haben die Fähigkeit menschliche Emotionen zu erfühlen und auf ihre Art zu beantworten und dazu brauchen sie keine Verhaltensforschung. Wir Menschen können natürlich bei einem uns vertrauten Tier auch vieles erfühlen, aber dank unseres Intellekts haben wir auch die Möglichkeit in Theorie und Praxis von anderen Menschen zu lernen, die sich viel mit diesem Thema beschäftigen.

Wer die angeborenen Verhaltensmuster kennt, sie richtig umsetzt und sie für das gemeinschaftliche Leben tauglich macht, hat in der Tierhaltung gewonnen.

U. Stickel