Rüde oder Hündin

Für jeden, insbesondere für die Interessenten, die zum ersten mal einen Hund oder auch zu ersten mal einen Hovawart erwerben wollen, erhebt sich die Frage, Rüde oder Hündin.

Es klingelt mir schon in den Ohren, wenn ich das Argument höre: ein Hovawartrüde ist dominant, per se, einfach so, nur weil er Hovawart und Rüde ist.

Es gibt mit Sicherheit dominante Hovawartrüden in 5 – 10 % aller Fälle, es gibt mit Sicherheit auch Rüdenwelpen, die diese Anlage haben in 5 – 10 % aller Fälle, aber bei diesen Hunden liegt es an der Führung durch ihre Besitzer wie sie sich entwickeln.

Es gibt auch dominante Hovawarthündinnen in der gleichen Prozentzahl und hier gilt, siehe oben.

Aber es gibt den entsprechend großen Prozentsatz an Hovawarten, Welpen oder erwachsen, die völlig normal zu erziehende Hunde sind. Alle brauchen das, was jeder Hund braucht (dominant oder nicht), die Einordnung in ihr Familienrudel, die liebevolle Konsequenz bei der Erziehung und Freude an gemeinsamen Erlebnissen mit dem „Rudelführer“.

Natürlich gibt es die geschlechtsspezifischen Unterschiede im Aussehen der Hunde und es gibt das geschlechtsspezifische Benehmen. Hündinnen unterliegen ihrem Hormonzyklus, der deutlich spürbar ist, wenn man seine Hündin kennt. Rüden können von 0 auf 100 gehen, wenn die geliebte Nachbarshündin läufig wird. Meine Meinung zur Kastration habe ich zwischenzeitlich kundgetan und denken Sie bitte nicht, dass nach einer Kastration Unausgeglichenheit  oder Rüpelhaftigkeit verschwinden. Es kommt nur noch die Frustration dazu.

Glauben Sie bitte auch nicht, dass Hündinnen weniger streiten als Rüden. „Zickenterror“ ist sicher nicht einfacher zu händeln als Rüden im Machtkampf um die Vorrangstellung.

Bei beiden Geschlechtern ist die Jugenderziehung und Sozialisierung das A und O für die weitere Entwicklung. Es ist ein absolutes Muss die Erziehung weiterzuführen, zumindest bis der erwachsene Hund alle Grundkommandos sicher beherrscht und auch weiterhin seine Stellung in seinem Familiengefüge kennt und akzeptiert. Es ist ein Kann, den Hund zu einer, wie auch immer gearteten spezifischen Ausbildung zu führen und es ist wichtig, dass diese Ausbildung sowohl dem Hund als auch seinem Besitzer Freude macht.

Es gibt bei einigen Hundebesitzern den „Hündinnentyp“ und es gibt den „Rüdentyp“, also Menschen, die sich das Zusammenleben nur mit einem Geschlecht vorstellen können. Das ist natürlich zu akzeptieren, vor allem, wenn es sich in vielen Jahren so ergeben hat und wenn entsprechende Ambitionen vorhanden sind. Das dürfte aber die Ausnahme sein. Wer seinen ersten Hund erwirbt, sollte eigentlich flexibel sein und sich nicht von ach-so-gut gemeinten Ratschlägen beeinflussen lassen.

Der bessere Weg ist hier, sich die Praxis auf einem unserer Hundeplätze anzuschauen und auf die Beratung des Züchters und der Welpenvermittlung zu vertrauen.

Es gibt übrigens auch dieses über-Kreuz-Phänomen, was bedeutet, dass Rüden sich mehr zu Frauen und Hündinnen sich mehr zu Männern hingezogen fühlen. Das wirkt sich aber hauptsächlich bei den Streicheleinheiten aus und nur dann, wenn der Hund die nötige Auswahl hat. Erziehung, Ausbildung, Futtermeister, Spielkamerad und Betreuung bei Tierarztbesuchen kann trotzdem die Aufgabe einer anderen Person sein.

Ebenso wird immer wieder berichtet, dass gut eingeordnete Rüden oft die geduldigeren Partner für natürlich hundeverständige Kinder sind.

 Bei der Auswahl des Hundes sollte deshalb die „richtige Passung“ im Vordergrund stehen.

Sie beginnt mit der Auswahl der Rasse und führt weiter zu Charakter, Temperament und Nervenstärke des einzelnen Welpen.

Das persönliche Gespräch zwischen Züchter und Welpeninteressent ist deshalb von großer Bedeutung. Der Züchter, der seine Welpen ja am besten kennt, kann beratend zur Seite stehen, wenn er die Lebensbedingungen und Ambitionen der Interessenten und des zukünftigen Umfeldes des Welpen kennen lernt. Der zukünftige Welpenbesitzer seinerseits geht auch mit bestimmten Vorstellungen zum Züchter. In dem Wurf, den er besichtigt, gibt es sicher Welpen, die ihn mehr ansprechen als andere. Manchmal soll es auch eine Liebe auf den ersten Blick geben und sie kommt oft nicht von ungefähr.

Als Leitfaden gilt trotzdem, der Machotyp (wenn es ihn wirklich gibt) gehört in die Hand von hundeerfahrenen Menschen, der absolute Quirl unter den Welpen in eine etwas ruhiger strukturierte Familie und der nervenstarke Welpe, der sich alles erst einmal anschaut, bevor er eingreift, hat auch die Nerven, die Kindergeburtstage und Einladungen, die in einer lebhaften Familie anfallen, mit Gelassenheit zu ertragen.

Den Welpenkäufer interessiert vor allem, den Hund zu bekommen, zu dem er sich hingezogen fühlt und den er händeln kann. Das kann in Gesprächen mit dem Züchter und dann mit Hilfe von Welpenschule und ev. weiterführender Ausbildung erreicht werden. Zu einer Kraftprobe darf und soll der Umgang mit dem Hund nie werden, dann verlieren beide Teile schnell die Freude daran. Kräftemäßig ist der normale Mensch sowohl mit Rüde als auch mit Hündin überfordert, also bleibt nur das richtig erlernte Miteinander und das kann und soll jedem Hundebesitzer und seinem Hund über viele Jahre Freude machen.

 U. Stickel